Katzen sind hochsensible Wesen. Das Seelenleben der Katze kann durch Turbulenzen innerhalb ihres Lebensbereichs leicht aus dem Gleichgewicht geraten: Probleme mit anderen im Haushalt lebenden Tieren, Alltagsprobleme oder Schwierigkeiten der Bezugspersonen sowie nicht artgerechte Haltung können Hilfe für die Seele der Katze notwendig machen.

Einblick in die Katzenpsychologie

Je artgerechter der Katzenhalter den Lebensraum seiner Samtpfote gestaltet, desto glücklicher, gesünder und ausgeglichener ist sie. Möglichst das Optimum zusammen mit dem Halter zu entwickeln, ist Aufgabe der Katzenpsychologie. Sie setzt an bei Problemverhalten und Verhaltensauffälligkeiten des Tiers und hat das Ziel, gemeinsam mit dem Tierhalter die Haltungsbedingungen des Tiers zu verbessern. Basis hierfür sind fundierte Kenntnisse aus der Verhaltensbiologie und -medizin von Katzen.

Doch wie sieht die Arbeit einer Tierpsychologin genau aus? Wir haben uns auf den spannenden Weg gemacht, diesen Fragen nachzugehen: Bettina von Stockfleth ist Katzenpsychologin und gewährt uns im Interview einen sowohl spannenden als auch einfühlsamen Einblick in ihre Arbeit.

Wie sind Sie Katzenpsychologin geworden?

Schon im Grundschulalter verkündete ich meinen Eltern, dass ich später mal Tierpsychologin werden möchte. Sie lachten und meinten, so einen Beruf gäbe es nicht. Tatsächlich verlief mein Berufsleben dann lange Zeit „tierfrei“. Mein Fundkater Tharuk gab den Anstoß dazu, dem alten Wunsch nachzugeben. Ich absolvierte meine Ausbildung bei der Akademie für Tiernaturheilkunde (ATN).

Mit welcher Art von Problemen kommen die Tierhalter zu Ihnen?

Zu Beginn meiner Tätigkeit waren es meist Unsauberkeit oder Harnmarkieren, seit ein paar Jahren immer häufiger Konflikte in Mehrkatzenhaushalten. Ein weiteres häufiges Thema sind Aggressionen gegen den Halter oder Zerstörungswut. Darüber hinaus: zwanghafte Verhaltensweisen wie Fellrupfen oder -lecken, nächtliche Randale … Eine abschließende Aufzählung ist unmöglich, denn jeder Fall ist einzigartig.

Wenn der Halter selbst Probleme (Beruf, Beziehung etc.) hat, überträgt sich das ja oft auf die Tiere, weil sie dies spüren. Inwieweit werden Probleme des Halters in die Arbeit mit dem Tier einbezogen?

So weit wie möglich. Das hängt vor allem davon ab, wie sehr die Halter bereit sind, sich mir gegenüber zu öffnen. Wenn sich zum Beispiel ein Paar frisch getrennt hat, aber noch im selben Haushalt lebt, spüre ich häufig beim Hereinkommen schon, dass der Haussegen schief hängt. In diesem Stadium kann ich das aber kaum ansprechen – es tut noch weh und ist sehr emotionsgeladen.

Wenn die Halter bereits selbst etwas mehr Distanz zu ihrem Problem haben, kann ich es oft taktvoll ansprechen. Wie sehr die Betroffenen sich dann öffnen, ist unterschiedlich. Zeichnet sich eine ernsthafte Konsequenz für das Tier ab, beispielsweise dass eine „Scheidungskatze“ von keinem der Partner mehr gewollt ist, hake ich schon nach, was aus dem Tier werden soll.

Es gibt aber auch überbesorgte Halter, die befürchten, ihre Katzen nicht gut genug zu behandeln. Solchen Menschen versuche ich einfühlsam zu vermitteln, dass alles gut ist und es die Tiere stresst, wenn sie ständig ängstlich beobachtet werden.

Ist die Arbeit mit dem Tier auch Arbeit mit dem Halter?

Absolut! Zum einen sind manche Kunden skeptisch, ob Katzenpsychologie überhaupt funktioniert, zum anderen sind sie nach meinem Hausbesuch wieder mit ihren Fellnasen allein. Ich muss meine Verhaltenstipps und Therapiemaßnahmen anschaulich erklären und begründen, warum sie sinnvoll sind, damit sie ernst genommen und umgesetzt werden. Darüber hinaus habe ich einen Blick darauf, was Katzenhalter überhaupt leisten können. Manche Menschen haben nicht die Zeit und/oder das Nervenkostüm, um sehr aufwendige Maßnahmen langfristig umzusetzen. Dann versuche ich so weit wie möglich für beide Seiten – Mensch und Katze – einen akzeptablen Kompromiss zu finden.

Wie lange dauert eine psychologische Behandlung des Tieres bzw. wie viele Sitzungen sind nötig? Gibt es da Richtwerte?

In vielen Fällen reicht ein einziger Hausbesuch, um deutliche Verbesserungen zu erzielen, sofern alle Maßnahmen konsequent umgesetzt werden. Danach telefoniere ich nach Bedarf mit den Haltern und wir arbeiten sozusagen am „Feinschliff“, also an der Optimierung der Situation. Als Richtwert kann ich wirklich nur sagen: Je länger ein Problem besteht, desto länger dauert es in der Regel, es zu beseitigen. Ein Beispiel: Wenn eine Katze jahrelang eine Mitkatze mobbt und plötzlich finden die Halter das unerträglich, weil die Katzen nun auch nachts kämpfen und keiner mehr Schlaf kriegt, dann kann ich nicht den Zauberstab schwingen und alles ist wieder gut. Da steht ein langer Umlernprozess für alle Beteiligten bevor.

Sind die Erfolge der Behandlungen dauerhaft oder kann es passieren, dass später nochmals Sitzungen nötig sind?

Werden alle Verbesserungen so beibehalten, wie sie nach meinem Besuch vereinbart wurden, sind die Erfolge meist dauerhaft. Aber Leben ist bekanntlich Veränderung und spätere Beratungstermine können nötig sein, wenn neue Faktoren ins Spiel kommen. Beispiele hierfür sind die Geburt eines Babys, Einzug einer neuen Katze oder eines anderen Haustiers, Umzug der Halter, Auszug erwachsener Kinder, Tod eines tierischen Kumpels usw. usf. Auch kann die Katze ihr Verhalten alters- oder krankheitsbedingt wieder ändern.

Wo finden die Sitzungen mit den Tieren statt? In gewohnter Umgebung zu Hause oder haben Sie auch eine Praxis?

Tharuk - HürdensprungKatzen sind territoriale Tiere, weshalb ich möglichst Hausbesuche mache. So erlebe ich die Katzen am ehesten, wie sie sich sonst auch verhalten. Außerdem kann ich ihren Lebensraum durch „Katzenaugen“ ansehen: Gibt es insgesamt genug Platz? Ist die Einrichtung katzengerecht? Wo gibt es Konflikte um Kratzbäume oder Aussichtsplätze? Wo sieht die Katze durchs Fenster draußen fremde Artgenossen oder etwas anderes, das sie aufregt, sodass sie ihr Revier (Wohnung) mit Urin markiert? Eine Praxis habe ich nicht, aber gelegentlich besuchen Halter mich, damit sie Einblicke ins Clickertraining gewinnen und es selbst mit meinem sehr aufgeschlossenen Kater Quentin ausprobieren können.

Was sind Ihre Methoden bei der Behandlung eines Tieres?

Gemeinsam mit den Haltern bespreche ich, wie der Lebensraum der Katzen optimiert werden kann, denn je wohler ein Lebewesen sich fühlt, desto besser lernt es. Zeigt eine Katze unerwünschtes Verhalten, analysiere ich, warum sie das tut. Dann geht es daran, äußere Ursachen – so weit möglich – zu beseitigen.

Viele unerwünschte Verhaltensweisen zählen zum ganz normalen Katzenverhalten. Dann müssen artgerechte Alternativen her, damit die Katze ihre Bedürfnisse ausleben kann. Manchmal reicht es, diese Alternativen nur zur Verfügung zu stellen, manchmal ist zusätzlich aktives Training notwendig, um der Katze ein anderes Verhalten „schmackhaft“ zu machen.

Ich arbeite ausschließlich mit positiver Bestärkung, d.h. ohne Strafen, zum Beispiel mit Clickertraining, bei dem Unerwünschtes ignoriert und Erwünschtes belohnt wird. Auch Ängste lassen sich mit einer systematischen Umerziehung oft abtrainieren.

Unterstützend setze ich in vielen Fällen Pheromonpräparate und Bachblüten ein.

Arbeiten Sie ausschließlich mit Katzen oder auch mit anderen Tieren?

Meine Ausbildung habe ich ausschließlich für die Arbeit mit Katzen absolviert. Ich widme mich daher nur Katzenfällen. Da ich früher einen Hund hatte, selbst Hunde ausgebildet habe und viele aktuelle Hundebücher lese, kann ich auch mal einen Tipp geben, wenn ein Hund mit Katzen zusammenlebt. Ich übernehme aber keine Hundefälle – dafür gibt es hervorragend ausgebildete Kollegen und Trainer.

Was unterscheidet Ihre Arbeit von z.B. Tierkommunikatoren oder Tiertrainern? Ist das vergleichbar?

Von Tierkommunikatoren unterscheidet mich, dass ich meine Fälle auf der Basis von Verhaltensbiologie, Verhaltensmedizin, Wissen über artgerechte Katzenhaltung und natürlich aufgrund meiner Erfahrungswerte beurteile. Natürlich spielen Intuition und Bauchgefühl dabei eine Rolle und beeinflussen, welche Fragen ich den Haltern stelle und worauf ich genau schaue, aber ich arbeite nicht mit telepathischen Botschaften und Bildern, die mir eine Katze direkt übermittelt.

Wie bei Tiertrainern spielen Lernen und Training der Tiere eine große Rolle bei meiner Arbeit, siehe meine Antwort zu den Methoden. Allerdings trainiere ich die Katzen nicht selbst, sondern zeige den Haltern, wie das geht.

Was ist das Schönste an Ihrer Arbeit? Was lieben Sie besonders?

Da gibt es eine ganze Menge Schönes. Wenn die Katzen und ihre Menschen wieder glücklich sind, vor allem in Fällen, wo die Stimmung anfangs frostig war und es schon hieß: „Falls sich nicht bald was ändert, geben wir die Katze weg!“ Oder wenn ich erleben darf, wie Katzen und ihre Halter viel stärker zusammenwachsen, weil die Menschen ein ganz anderes Verständnis, einen anderen Zugang zu ihren Samtpfoten bekommen haben. Natürlich freue ich mich auch sehr über Dankeschön-Mails mit Fotos entspannter Katzen.


Bettina von Stockfleth - Mensch & KatzeBettina von Stockfleth ist Katzenpsychologin und -verhaltensberaterin. Sie lebt in Buchholz in der Nordheide und ist bei ihren Hausbesuchen im gesamten Großraum Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein unterwegs. Zudem ist sie journalistisch tätig: Sie hat bereits drei Katzenbücher und einige Artikel in diversen Publikationen geschrieben. Weiterhin steht Bettina von Stockfleth als wissenschaftliche Beraterin und Lektorin bei der Entstehung zahlreicher Tierratgeber zur Verfügung.

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